[Hier erhalten Sie den Abschlußbericht der Perspektivkommission. Auftraggeber: Kulturamt Frankfurt.]
WIR SIND STOLZ AUF DAS, WAS WIR LEISTEN
Frankfurt, 14.6.2012: In ihrer Jahresversammlung am 12. Juni 2012 weisen die Mitglieder der Frankfurter Theaterallianz den Abschlussbericht der Perspektivkommission als Evaluation der Freien Theaterszene in Frankfurt mit großer Mehrheit zurück, da er kein objektives Bild der Freien Theaterszene in Frankfurt widergibt. Die Gutachter haben viele Mängel festgestellt, ohne die Stärken daneben zu stellen und so ein ausgewogenes Bild zu zeichnen.
Im Jahre 2010 richteten alle, städtische wie auch freie Bühnen, gut 6.400 kulturelle Veranstaltungen aus und verkauften insgesamt knapp 2 Millionen Eintrittskarten. Dazu trugen die Freien Theater zu 75 % aller Veranstaltungen bei und verkauften 55 % aller Karten. Wir sind stolz darauf, dass wir mit unserem vielfältigen und ausdif-ferenzierten niveauvollen Kulturangebot zu einem überwiegenden Teil den kulturellen Bedarf der Frankfurter Bevölkerung decken. Und das höchst effizient: Nur 4,75 Mio. € bzw. 6,3 % der gesamten städtischen Mittel (75,8 Mio. €), die 2010 an alle freien Bühnen und Bühnen unter städtischer Trägerschaft flossen, wurden der Freien Theaterszene im Rahmen der institutionellen Förderung zur Vefügung gestellt.
Diese Leistungsbilanz zeigt in beeindruckender Weise, welche Rolle die Freie Theaterszene in Frankfurt spielt. Die vielen kleinen Privatbühnen schließen flexibel die Lücke zwischen dem Angebot der Bühnen unter städtischer Trägerschaft und den kulturellen Bedürfnissen der Bevölkerung, gleichgültig, welche Ästhetik gerade angesagt ist. Und diese Leistung wird unter nicht besonders rosigen finanziellen Rahmenbedingungen erbracht! Trotzdem neiden wir den städtischen Bühnen nicht, dass sie Hauptempfän-ger des Kulturetats der Stadt Frankfurt sind. Das ist den unterschiedlichen Produktionsbedingungen geschuldet. Wir sind vielmehr stolz darauf, dass alle städtisch getragenen Bühnen (Oper Frankfurt, Schauspiel Frankfurt, Alte Oper und Künstlerhaus Mousonturm) weit über die Stadtgrenzen hinaus glänzen. Reicht das nicht für das Image der Stadt Frankfurt? Wir glauben, dass die von den Gutachtern vorgeschlagene Neuausrichtung der Freien Szene die hohe Leistungsfähigkeit der Freien Szene in Frage stellt und es nicht wert ist, die Köpfe erfolgreicher Theaterleiter rollen zu lassen und Häuser zu schließen.
Ein zentraler Dissens zwischen uns und den Kommissionsmitgliedern ist ein völlig anderes Verständnis dessen, was eine Freie Theaterszene im Kern bedeutet. Wir verstehen diesen Begriff als jenen Kulturbereich, der die privatwirtschaftlich geführten Spiel-stätten umfasst, und nicht – wie die Gutachter – primär als Motor für künstlerische Innovationen in den darstellenden Künsten. Nach dem bedauerlichen Wegfall des TAT kommt aus unserer Sicht dem Mousonturm die Rolle eines innovativen Motors mit Leuchtturmfunktion zu, der zu diesem Zweck auch deutlich besser ausgestattet ist als die einzelnen privaten Theater. Wir sehen das Gutachten als Auslöser einer Diskussion darüber, welche Kulturpolitik die Stadt Frankfurt in Zukunft betreiben will und welche institutionellen Konsequenzen daraus zu ziehen sind. Um deren Machbarkeit beurteilen zu können, ist nicht nur eine künstlerische Einschätzung der Freien Szene erforderlich, sondern auch eine Markt-analyse unter Berücksichtigung des demographischen Wandels sowie institutionelle und kaufmännische Fachkompetenz. Nur so erhält man Auskunft über den künftigen generationsübergreifenden Kulturbedarf der Bevölkerung, über das, was von der vor-handenen Infrastruktur auch weiterhin nutzbar wäre, was zusätzlich hinzukommen müsste, was das Ganze kosten würde und wie es finanziert werden könnte – sowie darüber, welche Rolle der Freien Theaterszene in Zukunft zufällt. Die Art und Weise, wie das Gutachten durchgeführt wurde, entspricht nicht unseren Vorstellungen von Transparenz. Wir wurden nicht informiert, weder über die Aufgabenstellung der Untersuchung noch über die beteiligten Gutachter oder über ihren Be-such in unseren Häusern. In der Mehrzahl der Fälle wurde kein Gespräch mit den einzelnen Theaterleitern geführt. Sie konnten auch nicht Stellung nehmen zu dem Entwurf des Gutachtens, nicht um die Auffassung der Gutachter zu beeinflussen, sondern um sicherzustellen, dass keine Falschinformationen in die Schlussfolgerungen der Gutachter eingehen.
Unabhängigkeit, die für die jeweilige Aufgabenstellung erforderliche Fachkompetenz und die Transparenz des Verfahrens sind Voraussetzungen für ein Gutachten, das Anspruch auf Objektivität erheben kann. Im vorliegenden Fall sind die über das Künstle-rische hinausgehende erforderliche Fachkompetenz und die Transparenz des Verfahrens nicht gegeben.
Daraus folgt: Der Abschlussbericht der Perspektivkommission ist nicht objektiv – er trägt nicht allen zu berücksichtigenden Aspekten Rechnung, seine Datenbasis ist nicht offen – er ist somit nicht geeignet als Rechtfertigungsgrund für jedwede kulturpolitische Maßnahme. Wir fordern den Kulturdezernenten vielmehr auf, die Studie nicht als Evaluation, sondern als künstlerische Einschätzung der Freien Szene in Frankfurt durch die Gutachter zu nutzen und als Grundlage für eine offene und sorgfältige Diskussi-on über das Selbstverständnis der Freien Theaterszene und die künftige Kulturpolitik in Frankfurt. Wir erklären uns zugleich alle bereit, uns dieser Diskussion zu stellen und eine ehrliche und tatsächliche Evaluation der Freien Theaterszene in Frankfurt zu unterstützen.
Alle in der Theaterallianz vertretenen Bühnen stimmen darin überein, dass es die Vielfalt der künstlerischen Darstellungsformen ist, die eine bunte und erlebenswerte Kul-turlandschaft ausmacht. Jede der Bühnen hat großes Interesse an einer lebendigen und erfolgreichen Freien Frankfurter Theaterszene, die sich mit privaten Spielstätten frei entwickeln kann und der Frankfurter Bevölkerung Lust auf Darstellende Kunst macht.
Frankfurter Theaterallianz e.V.
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